Die Wikipedia-Bewegung feierte mit der jährlichen Wikimania-Konferenz vom 21. bis 25. Juli 2026 ihr 25 jähriges Jubiläum. Wikipedia ist eine Erfolgsgeschichte, aber am Horizont ziehen dunkle Wolken auf: KI könnte der Online-Enzyklopädie schon bald den Rang streitig machen.

Wikimania 2026: Dunkle Wolken am Horizont der Wikipedia-Welt
Von Dominik Landwehr
Es dürfte in jeder Stadt nur wenig Orte geben, wo sich 1200 Kongressteilnehmer locker treffen können und jeden Tag in grossen und kleinen Sessions aktuelle Fragen diskutieren. Die Cité des Sciences et de l’Industrie in Paris ist so ein Ort. Eine Art Science Center und Museum mit einem gigantischen Entertainment Komplex und weil hier rund 15 000 Menschen Platz finden, fiel das Wikipedia Treffen nicht einmal besonders auf. Die jährliche Wikimania ist mehr als ein Kongress, schon eher eine Art von Familientreffen, reserviert für die besonders fleissigen Wikipedianerinnen und Wikipedianer, denn wer nicht mit einer nationalen Gesellschaft anreisen konnte, musste sich bewerben. Nicht wenige der Teilnehmenden waren schon bei früheren Treffen dabei, seit der ersten Durchführung 2005 in Frankfurt. In den letzten Jahren war man in Nairobi (2025), Katowice (2024) oder Singapur (2023). Wikipedia ist eine weltweite Bewegung und entsprechend bunt waren auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Offenbar hatten aber nicht alle Interessenten ein Visum erhalten, aus welchen Gründen auch immer. Ein Hinweis, dass es in dieser Bewegung grosse regionale Disparitäten gibt oder schlicht: ein Nord-Süd-Gefälle.
Wenige weltweite Projekte können ähnlich eindrückliche Kennzahlen aufweisen: Die Wikipedia gibt es in mehr als 300 verschiedenen Sprachversionen mit über 65 Millionen Artikeln. Die deutschsprachige Wikipedia gehört mit 3.15 Millionen Artikeln zusammen mit der englischsprachigen Version (7.2 Millionen Artikeln) zu den grössten Wikipedia Ausgaben.
Wikimedia Schweiz (WMCH) wurde bereits 2006 gegründet und feiert 2026 ihr zwanzigstes Jubiläum. Die Autorinnen und Autoren in der Schweiz schreiben in nicht weniger als vier verschiedenen Wikipedia Versionen: auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
Zur Wikipedia Bewegung gehört mittlerweile eine ganze Gruppe von weltweiten Projekten: Die wichtigsten sind Wikimedia Commons – eine gigantische Sammlung von Mediendaten mit rund 145 Millionen frei verwendbaren Mediendaten. Sie sind entweder gemeinfrei, also public domain, oder unter einer freien Lizenz nutzbar. Ein neueres Projekt ist das Projekt Wikidata, das auf eine Initiative aus Deutschland zurückgeht: Eine Sammlung von über 120 Millionen strukturierter Datenobjekten, die besonders für Datenbankabfragen nützlich sind. Weitere Projekte sind Wikisource, Wikiquote und Wikivoyage.
Die Geschichte der Wikimedia-Bewegung war bis anhin eine einzigartige Erfolgsgeschichte – aber KI könnte diesem Höhenflug ein Ende bereiten. Entsprechend wichtig wird das Thema heute auch in allen Anlässen zum Thema Wikipedia behandelt. Zunächst aber: Was ist der Grund für den anhaltenden Erfolg von Wikipedia? Einfach gesagt: Es war das richtige Projekt im richtigen Moment und, wie die Amerikaner sagen, «a powerful idea», eine überzeugende Idee. Die Kriterien für einen Wikipedia-Eintrag sind transparent und einfach zu verstehen: Die Einträge müssen von einer neutralen Perspektive aus geschrieben sein, das Thema oder die Person muss relevant sein und jede Aussage muss anhand von glaubwürdigen Quellen nachgewiesen werden. Der Aufstieg von Wikipedia erfolgt parallel zum Siegeszug von Google. Tatsächlich indexierte Google früh schon Wikipedia Artikel. Und weil sie auch den Google-Kriterien perfekt entsprachen, gab Google Wikipedia-Artikel an vorderster Stelle wieder aus. Gab es Absprachen und möglicherweise Finanzflüsse zwischen Google und der Wikimedia Foundation? Ja, es gab sowohl Zusammenarbeitsverträge als auch finanzielle Zuwendungen von Seiten von Google. Es gibt innerhalb von Wikipedia auch einen Bereich für kommerzielle Angebote: Wikipedia Enterprise. Optisch ist Google aber im Wikipedia-Kosmos nicht präsent. Die Zusammenarbeit wird auf einer eigenen Seite im so genannten Meta Wiki ausgewiesen.
Seit einigen Jahren ist nun KI daran, die Welt des Online-Wissens umzupflügen. Google beispielsweise gibt nicht mehr primär Links als Antworten aus, sondern komplette, ausformulierte Antworten. Chatbots wie ChatGPT, Claude, Perplexity, Google Gemini oder Microsoft Copilot schöpfen ihr Wissen aus dem riesigen Fundus von Wikipedia und beantworten Suchanfragen direkt. Die User müssen in vielen Fällen nicht mehr auf die Wikipedia-Quellen klicken. Das führt zu einem Rückgang von direkten Anfragen bei Wikipedia: So verzeichnet Wikipedia allein im letzten Jahr einen Rückgang bei den Suchanfragen von Menschen (Human Pageviews) von 8 Prozent. Als mögliche Gründe nennt sie insbesondere generative KI und ein verändertes Informationsverhalten. Gestiegen sind demgegenüber die automatischen Abfragen durch Roboter (Bots) auf den Seiten von Wikipedia. Tatsächlich ist Wikipedia eine der wichtigsten Datenquellen zum Trainieren von grossen Sprachmodellen, so genannten Large Language Models (LLM). Für Wikipedia sind lange nicht alle dieser Anfragen sauber erkennbar, weil sie sich zum Teil als menschliche User tarnen.Grokipedia, have led to an increase in donations to Wikipedia.
Diese Entwicklung ist für Wikipedia besorgniserregend: Man befürchtet namentlich einen Rückgang des Spendenvolumens, auch wenn das bis jetzt nicht eingetreten ist. Die Spendenaufrufe werden jeweils im Dezember als Banner bei Wikipedia-Anfragen aufgeschaltet.
Wenn weniger menschliche Benutzer diese Banner sehen, dann dürften auch weniger Geld spenden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen, im Gegenteil. Interessant: Die Fundamentalkritik von Elon Musk an der Wikipedia und der Start eines eigenen Projektes namens Grokipedia haben zu einem Anstieg der Spenden für Wikipedia geführt.
Was tun? Noch gibt es keine klare Antwort: Eine Reihe von Workshops, die teilweise von Wikimedia Schweiz initiiert wurden, sucht zurzeit nach Klärung. Ein möglicher Ansatz ist die Zusammenarbeit mit den Exponenten der KI. Ob das ein erfolgsversprechender Ansatz ist, bleibt offen. So meinte ein IT-Spezialist an der Wikimania-Konferenz: Die KI-Entwickler hätten zwar durchaus Sympathie für das Projekt, letztlich dann aber andere Prioritäten.
Es ist klar, dass die Entwicklungen die finanzielle Situation der Wikipedia Bewegung beeinflussen könnten. Hier deshalb ein Blick auf die Zahlen: Finanziert wird Wikipedia mit Spenden – die Mutterorganisation «Wikimedia Foundation» verfügt über ein Jahresbudget von rund 180 Millionen US Dollar. Wikimedia Deutschland verfügt über 32 Millionen und Wikimedia Schweiz über 4.2 Millionen Franken. Wikimedia Schweiz und Wikimedia Deutschland verfügen über ein Privileg: Sie sammeln das Geld selbst und geben danach einen Teil an die Wikimedia Foundation ab, welche die ganze technische Infrastruktur unterhält. Bei allen anderen läuft es umgekehrt: Das Geld wird von der US-Stiftung im jeweiligen Land gesammelt und die Landesgesellschaft erhält einen Teil von der Stiftung zurück.
Die Wikimedia Foundation unterstützt eine grosse Anzahl von Initiativen und Gruppierungen, die sich nach Themen, Ländern oder Sprachgruppen organisieren. Heute existieren 40 so genannte Chapters, die in der Regel ein Land repräsentieren, sowie 156 User Groups zu allen möglichen Themen wie etwa Frauen, LGTQ+, Fotografie, diverse Gruppen für einzelne Sprachen und Regionen etc.
Die Foundation unter der Führung ihres neuen Chief Executive Officer (CEO) Bernadette M. Meehan ist nun daran, diese Unterstützungen zu reorganisieren, was dazu führen dürfte, dass gewisse Gruppierungen weniger oder gar kein Geld mehr erhalten. Das sorgt innerhalb der Wikipedia Welt zurzeit für Unruhe. Es zeigt aber eine unangenehme Tatsache: Praktisch alle dieser Gruppen sind zu hundert Prozent abhängig von den Zuwendungen der Foundation.
Daraus ist ein komplexes Ökosystem gewachsen. Dieses Ökosystem soll nun zukunftstauglich gemacht werden.
Der Autor ist seit 2018 aktiver Wikipedia-Autor und seit Sommer 2026 Präsident von Wikimedia Schweiz, WMCH.
Anmerkung: Wikipedia und Google
Foto: Basile Morin, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons